Programme


 

Um gleich mit dem Grundsätzlichen zu beginnen:
zufällig sind sie nie, die Zusammenstellungen meiner Konzertprogramme.
Werke, die in ein Programm hineingenommen werden, haben Ähnlichkeit mit Bausteinen: derselbe Baustein hat in der Wand einer Villa eine andere Funktion, als er es im Dachbereich einer Kirche hätte. Und ein Block, der einem römischen Amphitheater entnommen wurde, wird sich in einem Einfamilienhaus überhaupt nicht verbauen lassen – jedenfalls nicht sinnvoll und nutzbringend verbauen lassen. Was heisst das in unserem Zusammenhang?
Zunächst einmal dies, dass – gerade im Bereich der Orgelmusik – die Werke dem Instrument gemäss ausgewählt werden.
Die Symphonische Phantasie und Fuge, Max Reger's op. 57, habe ich durchaus an der großen K.Schuke-Orgel in Nagoya gespielt. Es macht hingegen wenig Sinn, dies Unterfangen an einem 18-registrigen Instrument mit zwei Manualen zu versuchen. Und umgekehrt: eine Toccata von Frescobaldi passt nicht zum Nachbau einer Cavaillé-Coll-Orgel.
Weiterhin stellt sich jedes Mal die Frage nach dem "Warum". Bei der Zusammenstellung geht es nicht nur darum, eine Stunde lang "nur" schöne Musik darzubieten. Was will das Konzert darüber hinaus, was können die Werke beitragen, um dieses Ziel zu erreichen? Ein paar Beispiele hierzu.
- Einige Konzerte stehen unter einem Motto.
"Orginalwerke von Komponistinnen" kann einen kleinen Bereich der Musikgeschichte vorstellen. Mit einem informativen Programmheft versehen vermag ein solches Bündel von Kompositionen auf eine verborgene Vielfalt von Musik und Biographien hinzuweisen.
"Psalmen" – eine andere Möglichkeit für ein Motto. Die Fülle der Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn ausschliesslich auf Psalmen basierende Kompositionen den "rote Faden" eines Konzertprogrammes bilden, sind überraschend.
Beide genannten Beispiele könnten auch im Rahmen von Konzerten Verwendung finden, bei denen nur ein beschränkter Zeitrahmen zur Verfügung steht. Wenn dies keine Rolle spielt, könnte das oben erwähnte Reger'sche op. 57 hingegen sinnvoll in ein abendfüllendes Soloprogramm unter dem Motto "Symphonische Orgelmusik" eingebaut werden. Dort mag das Werk möglicherweise in Nachbarschaft der "Symphonischen Choräle" von Karg-Elert und einer Orgelsymphonie Louis Vierne's stehen.
- Nicht selten wird ein ganzes Konzert einem einzigen Komponist oder Zyklus gewidmet.
Im ersteren Falle ergibt sich die oft faszinierende Möglichkeit, die musikalische Sprache und deren Veränderungen eines Einzelnen, wie Jeanne Demessieux, über mehrere Jahrzehnte zu verfolgen. Und im zweiten Falle: falls die entsprechenden Instrumente zur Verfügung stehen, entheben uns die grossen Zyklen von der weiteren Notwendigkeit einer Programmzusammenstellung. Die grossen Orgelzyklen bspw. eines Olivier Messiaen, einer Jeanne Demessieux, aber bspw. auch die Aufführung von Johann Sebastian Bach's "Kunst der Fuge", diese Werke sind so gewichtig, dass sich weitere Programmpunkte erübrigen.
- Eine andere Art der Programmzusammenstellung ist die der Beziehungen innerhalb der einzelnen Werke.
Was ist hiermit gemeint?
Nun, nehmen wir das Strassberger Programm, ein zeitlich eher knapp kalkuliertes 40-Minuten-Recital. Den Mittelteil bilden zwei kleine Pärchen zeitlich korrespondierender Musiken, jeweils von einer Komponistin und einem Komponisten. Anna Maria Martinez steht als Schülerin Josef Haydn's in direkter zeitlicher Korrelation zu Wolfgang Amadeus Mozart. Bei Fanny Mendelssohn und ihrem Bruder treten die geistige und familiären Beziehungen hinzu.
Alle hatten geistig/musikalischen Bezug zum Werk Johann Sebastian Bach's. Den Rahmen des Programms bilden deshalb zwei unbekanntere und – ursprünglich – unvollendete Orgelwerke Johann Sebastian Bach's (ergänzt und vollendet von Wolfgang Stockmeier).
Bildlich gesprochen ist dieses Programm in formaler Hinsicht beinahe seiten- und spiegelsymmetrisch aufgebaut. Gebrochen wird diese formale Symmetrie einzig durch den Umstand, dass "Pärchen 1" aus der klassischen, "Pärchen 2" hingegen aus der romantischen Epoche stammt.
Musik kennt architektonische Strukturen. Diese Strukturen sind oft kunstvoll. Als Interpretin schreibe ich die Musik nicht selber. Ich übernehme aber im Rahmen der Programmgestaltung durchaus die der Musik zugrunde liegenden architektonischen Ideen.

Aya Yoshida